Jürgen Neffe: Darwin – Das Abenteuer des Lebens

Ein großartiges Buch über zwei Reisen um die Welt und die Evolution

Neffe: Darwin - Bertelsmann Verlag
Neffe: Darwin - Bertelsmann Verlag
2007 reiste der Journalist Jürgen Neffe auf Darwins Spuren um die Welt und schrieb darüber ein faktenreiches wissenschaftliches Sachbuch, das spannend zu lesen ist.

Fünf Jahre lang, von Dezember 1831 bis 1836, war Charles Darwin mit dem Marine-Erkundungsschiff HMS Beagle unterwegs. Der zu Beginn der Reise erst 22-jährige zukünftige Pfarrer und Hobbygeologe widmete sich trotz immer wiederkehrender Seekrankheit naturwissenschaftlichen Forschungen und sammelte Belege für seine sich langsam entwickelnde Theorie der Evolution. Den Verlauf der Reise hielt er in seinen Notizbüchern fest und publizierte seine Erlebnisse nach seiner Rückkehr in dem Buch „Die Fahrt mit der Beagle“. Sein revolutionäres Werk „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ erschien erst 1859. Es erschütterte den Glauben an die biblische Schöpfungsgeschichte und ist bis heute ein Grundlagenwerk der Biologie.

Jürgen Neffe reist auf Darwins Spuren

175 Jahre später machte sich der Biologe und renommierte Wissenschaftsjournalist Jürgen Neffe auf die Reise um die Welt und suchte die Stellen auf, die Darwin erforscht hatte, verglich damals und heute und notierte seine Erfahrungen. Da er nicht nur per Schiff, sondern auch mit dem Flugzeug unterwegs war, brauchte er für die gleiche Tour nur sieben Monate. Er hat die Zeit gut genutzt, sein Buch trägt viel zum Verständnis der Darwin’schen Entdeckungen bei und sensibilisiert gleichzeitig für neue Entwicklungen, die das Gleichgewicht der Schöpfung bedrohen. Neffe spannt einen weiten Bogen zwischen dem Ursprung und der Zukunft des Lebens auf der Erde. Er macht nachvollziehbar, wie Darwin zu seinen Erkenntnissen kam, liefert Grundlagenwissen in Evolutionstheorie und macht deutlich, welche Veränderungen bis heute stattgefunden haben und was sich für die Zukunft abzeichnet. Neffe reiste mit leichtem Gepäck: Darwins wichtigste Werke hat er auf seinem Laptop gespeichert und kann ausführlich daraus zitieren.

Das Leben des Charles Darwin (1809 bis 1882)

Zum Teil lässt sich Neffes Buch auch als Darwin-Biografie lesen. Wichtige Stationen seines Lebens vor, während und nach der Reise werden einfühlsam geschildert: das Interesse für Käfer und die Jagdleidenschaft des Jungen, der zum Kummer seines Vaters seine Studien der Medizin und Juristerei abbrach und, nachdem er einen Abschluss in Theologie erlangt hatte, die abenteuerliche Reise mit Kapitän FitzRoy dem geruhsamen Dasein eines Landpfarrers vorzog. So entdeckte er Schritt für Schritt, wie Arten entstehen, dass sie sich verändern und warum. Wir erfahren auch viel über den Darwin nach der Reise, der seine revolutionäre Theorie erst nach langem Zögern bekanntgab, denn er wusste, dass er damit den Glauben an einen Schöpfergott widerlegen würde. Von Krankheiten geplagt, führte der berühmte und umstrittene Wissenschaftler ein sehr zurückgezogenes Leben auf dem Land. Eine weitere Reise hat er nie mehr gemacht, die Ergebnisse der ersten beschäftigten ihn ein Leben lang.

„Darwin – Das Abenteuer des Lebens“ vergleicht Damals und Heute

Wie Darwin reist Neffe über die Kapverdischen Inseln nach Brasilien, Uruguay und Argentinien, erkundet die kalten Gegenden Feuerlands, gelangt über Chile zu den Galapagos-Inseln und zur Osterinsel, dann nach Tahiti, Neuseeland, Australien und Tasmanien, Mauritius und Südafrika und lässt auch die letzten Stationen, die Inseln St. Helena und Ascensión, nicht aus. An den Stellen, „wo die Natur zu ihm gesprochen hat“, vergleicht er Darwins Eindrücke und Entdeckungen mit dem Zustand, den er nun antrifft. Einiges scheint sich kaum verändert zu haben, das meiste aber ist kaum wiederzuerkennen. Aus den Unterschieden lässt sich der zunehmende Einfluss der kulturellen Evolution ablesen, die die natürlichen Prozesse überlagert und in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen wird.

Dabei wird deutlich, was die sich ständig vermehrende Menschheit inzwischen angerichtet hat: Abholzung, intensive Landwirtschaft, Industrialisierung, der Trend zur Ausbeutung und Manipulation entziehen unzähligen Formen des Lebens die Grundlage, letztlich auch dem Menschen selbst, wenn er nicht umdenkt. Und doch klingt Neffes Ausblick erstaunlich optimistisch. Er hatte das Glück, an jedem Ort seiner Reise auf Menschen zu treffen, deren Wissensdurst und Hilfsbereitschaft ihn beeindruckten. Zwar sei die größte vom Menschen bedrohte Spezies die Menschheit selbst, bemerkt er abschließend, doch: „Wir haben in der Hand, wohin die Reise geht.“

Eine vorzüglich gestaltete Wissenschaftsreportage

Neffes Sprache trägt den Leser anschaulich und präzise über die 500 Seiten. Hier ist ein versierter Wissenschaftsjournalist am Werk gewesen, der auch emotionale Momente nicht ausklammert. Bruchlos fügen sich eigener Text und Darwin-Zitate ineinander. Auf zwei Karten lässt sich die jeweilige Route verfolgen, 32 Seiten mit Farbfotos dokumentieren wichtige Stationen der Reise. Im Anhang finden sich die Quellenangaben aller Zitate, ebenso weiterführende Literatur sowie ein langes mit „Dank“ überschriebenes Verzeichnis der Personen, die den Autor unterwegs und zu Hause bei diesem Projekt unterstützt haben.

Jürgen Neffe: Darwin – Das Abenteuer des Lebens. C. Bertelsmann Verlag 2008. Gebunden, 544 Seiten. Euro 22,95.

Im Januar 2010 erscheint die Taschenbuchausgabe bei Goldmann.

Ruth Lisa Knapp, Ruth Lisa Knapp

Ruth Lisa Knapp - Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie war ich als Lehrerin im In- und Ausland tätig, später als ...

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