
- de Ridder: Wie wollen wir sterben? - DVA
Seit über dreißig Jahren arbeitet der Autor als Internist, Rettungs- und Intensivmediziner. So kommt er in besonderer Weise mit dem Schicksal von Schwerstkranken und Sterbenden in Berührung, für deren Belange er sich engagiert. Denn in der Welt der Apparate- und Hochleistungsmedizin geht man auf deren Bedürfnisse selten ein. Dass ein Umdenken in Bezug auf das Lebensende notwendig ist, dafür liefert de Ridder viele konkrete Beispiele und sorgfältig formulierte Argumente.
Lebensverlängerung versus Lebensqualität
Vieles ist heute medizinisch möglich, was vor ein paar Jahrzehnten noch undenkbar war. Ein Segen für viele Patienten, eine Qual für diejenigen, die in einem Stadium sind, in dem Heilung nicht mehr möglich ist. Häufig wird alles darangesetzt ihr zu Ende gehendes Leben um jeden Preis zu verlängern, doch dann werden sie irgendwann aufgegeben und sich selbst überlassen. Aber gerade sie brauchen die Zuwendung von Ärzten und Pflegepersonal, die ihr Sterben begleiten. Daher fordert de Ridder: „Weg von einer Medizin, in deren Mittelpunkt die Krankheit und nicht der von ihr erfasste Mensch steht! Weg von der Lebenserhaltung um jeden Preis! Weg von einer Medizin, der Empathie ein Fremdwort ist!“ Und er dringt auf ein „Hin zu einer Medizin, die zwischen sinnvoller Lebensverlängerung und qualvoller Sterbeverzögerung zu unterscheiden vermag“.
Schwerpunkt Wachkoma
Michael de Ridder führt den Leser in Räume und zu Patienten, die dieser kaum je zu Gesicht bekommt, zu Menschen im vegetativen Status, dem sogenannten Wachkoma, die jahrelang ohne Hoffnung auf Besserung am Leben erhalten werden, weil Ärzte und auch Gerichte nicht erlauben, die Apparate abzustellen oder die künstliche Ernährung per Sonde aufzugeben. Es sind erschütternde Schicksale, die unter die Haut gehen und zum Nachdenken darüber zwingen, was unter Ethik in der Medizin zu verstehen wäre.
Schwerpunkt Patientenverfügung
Im Buch wird ausführlich darauf eingegangen, warum eine Patientenverfügung wichtig ist und dass der Patientenwille immer Vorrang hat vor dem Ehrgeiz oder dem moralischen Empfinden des behandelnden Arztes oder der Angehörigen. Selbst wenn keine solche Verfügung vorliegt, lässt sich der vermutete Wille des Betroffenen glaubhaft machen, und auch daran sind die Behandelnden gebunden. Denn das Wohl des Patienten soll immer im Vordergrund stehen, ihm soll sein Sterben so leicht wie irgend möglich gemacht werden.
Michael de Ridder zu Palliativmedizin und Sterbehilfe
In einem weiteren Kapitel klärt de Ridder darüber auf, was die sich in Deutschland nur zögerlich entwickelnde und stiefmütterlich behandelte Palliativmedizin und die Hospizbewegung leisten kann. Nicht nur einige Tumorpatienten, sondern alle Menschen im Sterbeprozess sollten sie in Anspruch nehmen können. Dazu gehören neben professioneller Pflege vor allem Zuwendung, Trost, Linderung der Atemnot und Bekämpfung der Schmerzen durch wirksame Medikamente. Und wenn auch diese Mittel versagen, gehört nach de Ridder auch die Hilfe zum Suizid dazu, wenn der Patient dies wünscht. Der rechtliche Hintergrund des sehr kontrovers diskutierten Themas der Sterbehilfe wird eingehend dargestellt und man erkennt, dass viel mehr an Hilfe erlaubt ist, als gemeinhin angenommen wird. Nicht diese Hilfe zu verweigern, sei ethisch geboten, sondern sie in klar definierten Fällen zu ermöglichen.
Ein wichtiges Buch für Ärzte und Laien
Für Ärzte und Angehörige von Pflegeberufen, aber auch für alle Laien, die sich mit dem eigenen Sterben oder dem von Angehörigen auseinandersetzen wollen, bietet das Buch eine Fülle von Fallschilderungen, fundierte Informationen und klar vorgetragene Argumente. Es macht Mut, eigene Positionen offen zu vertreten und ist eine wertvolle Ergänzung zum Klassiker „Wie wir sterben“ des Amerikaners Sherwin B. Nuland, denn es bezieht sich auf die aktuellen Verhältnisse in Deutschland. Ein Glossar am Ende erklärt Fachbegriffe und ein Anmerkungsteil weist die zitierten Quellen aus. Eine weitere Rezension des Buches finden Sie in einem anderen Suite101-Artikel.
Michael de Ridder: Wie wollen wir sterben? Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin. DVA 2010. Gebunden, 316 Seiten. Euro 19,95.
